eingeweiht am 17. Februar 2008

eingeweiht am 17. Februar 2008
Newborn Denkmal in Prishtina, eingeweiht am 17. Februar 2008.Aufbruch in eine neue Zukunft!

Mumsen und Lisa mitten drin!

Mumsen und Lisa mitten drin!
Mumsen und Lisa mitten drin!

Nach 3 Monaten

Nach 3 Monaten
Ein Bild zum Abschied - der Winter ist fast da, Lisa hat eine neue Frisur, Mumi eine neue Sitzhaltung....und wir sind voller Erlebnisse und Eindrücke....

Mire se vini

Ludwigsburg / Lüneburg 01.11.2010

Wir sind wieder zurück!

Der Aufenthalt im Kosovo ist beendet und wir sind mit unglaublichen Eindrücken, Erlebnissen, Fragen, Unsicherheiten und Erfahrungen zurückgekehrt in den Alltag. Als Erinnerung bleibt nicht nur dieser Blog!


Wer sind wir und was machen wir hier?

Wir sind Muhamet und Lisa, zwei Studierende von der PH Ludwigsburg bzw. Uni Lüneburg. Dank eines ASA Stipendiums haben wir die Möglichkeit bekommen, hier in Prishtina, Kosovo ein Projekt durchzuführen.

Hier auf diesem Blog wollen wir euch mit kleinen Anekdoten, Geschichten, Gedanken an unseren Erfahrungen Teil haben lassen. Es wird hoffentlich interessant, lustig, nachdenklich, schrill, aufklärend und und und. Rechts unter der Rubrik 'Seiten' findet ihr unsere Projektbeschreibungen und jeweilige Entwicklungen.

Viel Spaß wünschen wir!

Dienstag, 28. September 2010

(lisa) Es regt sich was in der Hauptstadt....

Auch ich stelle nach nun 6 Wochen eine leichte Änderung der Stimmung in der Stadt fest. Mit dem langsam Einzug findenden Herbst (wirklich sehr langsam und vorsichtig) färben sich die Blätter in Prishtinas grüner Lunge Germia ganz bunt, es regnet mehr und der allabendliche 'Corsa' auf der Fußgängerzone wird dünner und kürzer. Ich habe das Gefühl, alles läuft ein wenig in geordnetere Bahnen (vielleicht auch nur, weil für mich alle Wege und viele Dinge mehr und mehr Routine werden), vielleicht kann man sagen, der Trubel des Sommers, die Aufregung um die vielen Besuche der im Ausland lebenden Familien und um die vielen Hochzeiten legt sich. Und trotzdem passiert viel.
Eine Sache, die mir außerdem auffällt, ist, dass seit ca. 2 Wochen viel mehr Polizei und auch wieder viel mehr KFor in der Stadt zu sehen sind, ich kann mir nicht erklären wieso, aber irgendwie ändert auch das die Stimmung.
Ich gerate manchmal ins Grübeln, ob ich die Stadt und die Mentalität ganz entspannt und locker oder sehr schnell und vital finde. Einerseits mahlen die Mühlen langsam, jeder nimmt sich Zeit für dich, Arbeitsprozesse dauern ewig, Emailadressen sind nie aktualisiert, man hat das Gefühl alles findet nur in Cafés bei macchiato te madhe statt, Probleme bleiben Probleme, Dinge verharren in ihren alten Strukturen.
Andererseits passiert dauernd etwas, bewegt sich alles so schnell, riesige Schlaglöcher befinden sich von einem auf den anderen Tag inmitten einer Straße und am nächsten Tag sind sie auch schon wieder weg, große Baustellen verwandeln sich in schöne asphaltierte Straßen, Häuser wachsen stetig Stock für Stock in die Höhe, Dinge erledigt man, indem man das Telefon in die Hand nimmt und sofort handelt, Cafés oder Läden, die man heute toll und interessant findet, sind morgen nicht mehr da, politische Debatten, die im Parlament geführt werden, finden sich sofort in Form von Protestplakaten auf der Straße wieder.
Man trifft unheimlich aktive Leute mit Ideen, Hoffnungen, Optimismus und nur ein paar Minuten später Leuten denen Resignation, Pessimismus und Ignoranz ins Gesicht geschrieben steht.
Viele internationale Organisationen versuchen viel zu bewegen. In der Fußgängerzone wird mit einer interessanten Müll-Inszenierung auf die unglaubliche Umweltverschmutzung aufmerksam gemacht, eine ergreifende Ausstellung auch in der Fußgängerzone macht auf die Schrecken aufmerksam, die immer noch viele Familien durchleben, da sie Vermisste im Krieg zu beklagen haben, deren Schicksal noch immer nicht geklärt werden konnte (auch politisch hier momentan ein sehr aktuelles Thema), die European Heritage Days finden statt und mit ihnen ein kleiner Bazaar, der traditionelle albanische Kultur in Form von Kleidung, Essen, Tänzen, Musik etc. vorstellt, das PriFilmFest, ein internationales Film Festival, findet zum 2ten Mal statt, mit vielen Filmen, die vor allem Thematiken rund um den Balkan behandeln, ein kleines KulturFestival '4tunedCities' beginnt heute (mehr unter www.4tunedcities.org), 'Albania's got Talent' hatte gestern eine Casting-Sequenz in Prishtina, eine Tourismus-Messe soll einerseits Einrichtungen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen andererseits jungen Prishtinalis bei der Jobsuche helfen...all das während es im Norden des Kosovo weiterhin zu Ausschreitungen zwischen den 2 Ethnien kommt (zuletzt nachdem die Albaner während des Basketball-Halbfinales Serbien-Türkei die Türkei unterstützen, und diese auch gewinnen), die Regierung und 'Opposition' um Weichenstellungen und Richtung des jungen Staates debattieren und der Präsident des Kosovo zurücktritt....

Und Lisa spaziert weiter durch die Stadt, hält die Augen offen, sammelt, hört hin, überlegt und beginnt die letzten 5 Wochen ihrer Reise....

(lisa) Zu Besuch in Nordalbanien - oder Kampf der Kulturen

Am letzten Wochenende war ich zu Besuch bei einer Familie in einem verlassenen Bergdorf in Nordalbanien. (Diese Familie hatte ich während meiner letzten Albanienreise im März kennengelernt).
Nordalbanien – vor allem die Bewohner der nördlichen Berglandschaft tragen den Ruf, noch sehr sehr traditionell und in ihren Strukturen verharrend zu sein. Oh jaaaa!
Mit Aleksi, dem 33jährigen Sohn (der einzige der Familie, der Englisch spricht) wollte ich am Sonntag auf eine Hochzeit gehen. Da hatte ich mich sehr drauf gefreut, denn Hochzeiten in Albanien / im Kosovo sollen etwas ganz besonderes sein (und leider ist die 'Hochzeitssaison' mit dem Monat September dann auch zu Ende – meine letzte Chance also). Nachdem wir  Sonntag früh aufgewacht waren und Aleksi wie immer aus dem Bett nach seiner Schwester rief, ihm Frühstück und heiße Milch zu bringen (unglaublich – aber ganz normal dort! Die Schwester ist um die 40, ist Lehrerin im Dorf, hat keinen Mann und keine eigene Familie, und wird somit den Rest ihres Lebens bei ihren Eltern im Dörfchen verbringen und auch ein wenig die Rolle als Haushälterin übernehmen), nachdem Aleksi nun jedenfalls wach war, kam die Schwester ganz aufgeregt schnatternd ins Zimmer und fing an rumzuwüten und rumzufluchen. Aufgrund von Gerüchten, die eine Nachbarin ihr gesteckt hatte, hatte sie entschlossen, dass Aleksi nicht mit mir zu der Hochzeit gehen dürfte, denn wenn die Gäste dann denken, wir zwei seien verheiratet, dann hätte Aleksi gar keine Chance mehr, eine Braut zu finden. Nach hitzigen Diskussionen (die ich ja alle nicht verstand) resignierte ich schon von selber, Tyrannenschwester legte also Aleksi Anzug, Socken und Schuhe zurecht und schickte ihn alleine auf die Hochzeit. Unglaublich! Aleksi fand das schade (vor allem, weil er im Vorfeld abgesprochen hatte, dass er mich mitnehmen will) und hatte kurz die Idee, mich als Journalistin mitzunehmen, fügte sich dann aber lieber. 'Er will einfach keinen Ärger mit Schwester und Mutter....'

Das Land, auf dem die Familie lebt, ist bereits zwischen Aleksi und Bruder aufgeteilt. Die Schwestern bekommen kein Erbe.
'Findest du das nicht unfair, dass deine Schwestern gar nix bekommen?'
'Ja, das ist schon unfair!'
'Und?'
'Ja, so ist das in Albanien. Die Frauen bekommen eben nix'

Ein Mädchen in dem Dorf wurde von einem Ziegenhirt vergewaltigt. Das Mädchen erzählt das nicht und geht schon garnicht zur Polizei. Wenn es öffentlich wird, dass sie vergewaltigt wurde, dann verliert sie komplett ihr Ansehen und wird keinen Ehemann mehr finden.

Kein Kommentar.

Auch die Blutrache gibt es hier noch ganz vereinzelt. Sie basiert auf dem Kanun und 'ermöglicht' Familien, Tötungen oder auch andere Verletzungen der Ehre mit dem Tod zu rächen.
Ich dachte, dies wäre so langsam ausgestorben. Aber anscheinend hält es sich in ganz abgelegenen Gegenden immer noch. Auf meine Frage hin, erzählt Aleksi, dass ein Freund von ihm gerade erst in solch eine 'Racheaktion' verwickelt war.

Der Kanun ist ein Gewohnheitsrecht, das seit dem 15. Jhr in Albanien und im Kosovo existiert und lange Zeit als eine Art paralleles Rechtssystem fungierte. Heute – wie ich gerade beschrieben habe – wird es immer noch in einigen abgelegenen Gegenden eingehalten. Der Kanun bestimmt(e) wichtige Aspekte wie das Schuldrecht, Ehe- und Erbrecht, Strafrecht, Jagdrecht oder Landwirtschaftsrecht. Auch das Leben in der Großfamilie, mit 3 Generationen unter einem Dach, wird vom Kanun zu Grunde gelegt.
Hier mal einige Beispiele aus der Deutschen Übersetzung (lange war der Kanun nur mündlich überliefert, zum Ende des 19. Jhr dann aufgeschrieben):


  • Sich nach dem Kanun verheiraten heißt, ein Haus gründen oder das Haus um ein Glied vermehren, sowohl für die Arbeit, als auch für die Vermehrung der Nachkommenschaft. Hat der Jüngling Eltern, hat er nicht das Recht: seine eigene Heirat zu bedenken, den Vermittler zu bezeichnen, sich in die Verlobungsverhandlungen einzumischen. Wenn das Mädchen auch keine Eltern hat, so hat es doch kein Recht, sich mit der eigenen Heirat zu befassen, das Recht ist in der Hand der Brüder oder Vettern. Das Mädchen hat kein Recht: den eigenen Gefährten zu wählen. Sie wird zu dem gehen, mit dem sie sie verloben. Das Mädchen hat kein Recht, sich in Vermittlung oder Verlöbnis einzumischen

  • Die albanische Frau hat kein Erbteil der Eltern, weder Grund noch Haus. Der Kanun hält die Frau als einen Überschuss, ein Anhängsel im Haus. Die Eltern haben keine Aussteuer, kein Heiratsgut für die Tochter zu bedenken; er, der sie nimmt, wird für sie sorgen. Sie ist schakull (Schlauch), in dem die Ware transportiert wird, d.h. Sie ist dazu bestimmt, die Kinder eines fremden Mannes (eines nicht Blutsverwandten) zu tragen, sonst aber, dem Blute nach, gehört sie ihrem Elternhause, wohin sie als (kinderlose) Witwe wieder zurückkehrt. Für zwei Dinge hat die Frau die Patrone im Rücken, und für einen Grund darf ihr die Quaste abgeschnitten und sie entlassen werden: 1. Für Untreue. 2. für Verletzung der Freundschaft. Für diese beiden Taten tötet der Gatte die Frau, sie bleibt ohne Schutz, ohne Gottesfrieden (die Eltern sind nicht zur Treue verpfichtet), und ihr Blut wird nicht gefordert

  • Man begrüßt sich mit dem Freund, nimmt ihm die Waffen ab, führt ihn ins Haus. Dem Freund wird mit Brot, Salz und Herz Ehre erwiesen. Das Brot, Salz und Herz, den Holzblock und Streu für das Lager findet der Freund zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Dem müden Freund wird aufgewartet mit Diensten und Ehrbezeugung. Dem Freunde werden die Füße gewaschen. Für jeden Freund braucht es die Speise, an die er selbst gewöhnt ist. Für den guten Freund braucht es Kaffee, Branntwein und gedeckten Tisch mit einer Speise des Überflusses. Betritt dir der Freund dein Haus, hat er dir seine Schuldigkeit bezahlt. Kommt dir der Freund ins Haus und er schuldet dir selbst Blut, du wirst ihm sagen 'Gut, dass du kamst'. Der Freund wird begleitet, so weit er begleitet zu sein bittet.

Ich muss sagen, diese und noch viele weitere Stellen des Kanun konnte ich (wenn auch in abgemilderter Form) erleben.

Samstag, 25. September 2010

Worte von Mutter Theresa für unsere albanischen Leser- zum 100 jährigen von ihr.

Liebe Leser, ich bitte um Nachsicht, dass manche Buchstaben wegen der Tastatur nicht perfekt sind im Albanischen. Ich bitte um eine Übersetzung ins Englische. Einfach an unsere Email posten: asaprojectprishtina@gmail.com


Cila eshte dita me e bukur: sot. (Welcher Tag ist der Schönste: Heute)
Gjeja me e lehte: gabimi.          ( Die leichteste Sache: Der Fehler.)
Pengesa me e madhe: frika.      ( Das größte Hindernis: Die Angst)
Burimi i cdo te keqeje: egoizmi.(Die Quelle allen Übels: Egoismus)

Argetimi me i bukur: puna.        ( Die beste Unterhaltung: Die Arbeit)
Disfata me e keqe: merzia.        (Die größte Niederlage/Unglück: Langeweile)
Profesoret me te mire: femijet.   (Die besten Professoren: Kinder)
Nevoja kryesore: komunikimi.   (Der Hauptbedarf: Kommunikation)

Gezimi me i madhe: te jesh i dobishem per te tjeret.  (Die größte Freude: für andere nützlich zu sein)
Fshetesia me e madhe: vdekja.     ( Das größte Geheimnis: der Tod.)
Mangesia me e madhe: moskenaqesia.( Der größte Mangel: die Unzufriedenheit.)
Njeriu me i rrezikshem: rrencaku.( Der gefährlichste Mensch: der Lügner.)
Ndjenja me e keqe: mllefi. (Das schlimmste Gefühl: die Wut.)
Dhurata me e bukur: falja. ( Das größte Geschenk: Vergebung.)
Gjeja me e nevojshme: familja. (Die notwendigste Sache: Die Familie.)
Rrota me e shpejte: drejtesia. (Das schnellste Rad: Das Recht.)

Perjetimi me i pelqyshem: paqja shpirterore. ( Das schönste Erlebnis: der innere Frieden.)
Mbrojtja me e suksesshme: buzeqeshja. (Die erfolgreichste Verteidigung: Das Lächeln.)
Mjekimi i me i mire: optimizmi.(Die beste Medizin: Optimismus)
Kenaqesia me e madhe: kryerja e detyres. (Die größte Freude: Beendigung einer Aufgabe.)

Fuqia me e madhe ne bote: feja. (Die größte Macht auf Erden: die Religion.)
Njerzit me te nevojshem: prinderet. (Die wichtigsten Menschen: die Eltern.)
Gjeja me e bukur: dashuria. ( Die schönste Sache: die Liebe.)

Samstag, 18. September 2010

Der Alltag, die Änderungen und die Politik.

Seit ungefähr einer Woche hat sich die Stimmung im Kosovo wesentlich geändert. Es ist ruhiger geworden und trister. Die Albaner aus der Diaspora sind weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden mit ihren unzähligen Kennzeichen der fremden Länder, das Wetter schlägt ein bissen mehr ins Graue um und die Krähen, Tauben und Vögel vermehren sich wie beim Film von Hitchcock „Die Vögel.“ Am späten Abend kann man immer das Phänomen beobachten, dass endlos viele Vögel, meistens Krähen, über die Dächer von Prishtina fliegen und auf unserem Dach eine nette Zwischenlandung machen.

Was die Stimmung angeht ist sie trotz allem tagsüber sehr aktiv. Am Abend wird es jedoch ruhig. Es ist nicht mehr so, dass viele Menschen auf den Straßen sind. Eine allgemeine „Beruhigung“ hat eingesetzt. Ich kenne den Kosovo nicht aus dieser Perspektive, da ich bisher immer nur um die Sommerzeit da war. Damit meine ich die Zeit, in der es von Albanern aus der Diaspora wimmelt. Somit ist es auch für mich eine neue Erfahrung, die ich hier mache.

Eine neue Erfahrung war die Tage auch eine Sequenz im Parlament. Wir waren Gäste von Driton Tali, dem unabhängigen Kandidaten im Parlament, den wir zwei nur „Westerwelle“ nennen weil er Ähnlichkeit mit ihm hat. Die Sitzung ging um ein Thema, das den Kosovo sehr bewegt politisch. Seit dem Kriegsende gibt es eine große Welle der Privatisierung von Staatsbetrieben. Es läuft fast gleich wie mit der Treuhandgesellschaft in der DDR, die nicht nur gut war wie wir alle wissen.

Im Kosovo ist die Privatisierung soweit, dass die „großen“ Staatskonzerne jetzt privatisiert werden. Diese Sitzung handelte von der Privatisierung der PTK (Post und Telekommunikation des Kosovo). Der Wert der Privatisierung ist irgendwo zwischen 300 und 600 Millionen Euro und betrifft 3000 Mitarbeiter. An sich hört sich das alles Recht unspektakulär an bis auf die Sache, dass im Kosovo 40% Arbeitslos sind und dieses Unternehmen einer der größten Arbeitgeber ist.

Vor der Hauptsitzung gab es eine aktuelle Fragerunde und den 'Internationalen Tag der Demokratie' (ja das wird hier gefeiert und war ein bisschen wie der 'Tag der offenen Türen'), bei dem alle da waren - die gesamte Regierung. Nach circa 10 Minuten war die Regierung weg. Der zweite Vorsitzende des Parlamentes blieb noch da und der Finanzminister Shala, der das ganze Leid und die Beschwerden der Abgeordneten und der Oppoistion einstecken musste. Es juckte ihn aber nicht wirklich. Ich war erstaunt und zugleich zutiefst erschüttert über diese Gleichgültigkeit.

Der einzige Hoffnungsschimmer war Driton Tali. Er attackierte den Finanzminister richtig hart und kümmerte sich nicht wirklich arg darum, ob ihm das Wort abgeschnitten wurde am Mikrofon. Ich war froh eine kleine Opposition zu sehen und jemanden, dem es nicht egal war, ob die Privatisierung “300 oder 600 Millionen einbringen würde“ (zum Vergleich das BIP von Kosovo ist ca 1 Mrd.). Er warf dem Minister persönliche Bereicherung vor und daher macht die „Differenz“ nichts aus, warf ihm Korruption vor und redete sich richtig in Rage. Das gefiel mir, weil es ein kleiner Hoffnungsschimmer in der Landschaft ist.

Das ist der Alltag im Kosovo nach über einem Monat. Es macht Spaß das alles zu sehen.

Me, My Brother and Mister Pieter Feith

It was a Friday afternoon when I visited the supermarket next door. We are living in the centre of Prishtina next to the OSCE Building, so its nothing new that we meet some “important” people in our daily live. On that afternoon in the “Hipermarket” it was a special feeling.

I was standing in line to pay and to go to the city with my Brother Liridon, as he told me that he forgot something and went away from the line to get it. While waiting for him all people paid. It was my turn and I was turning around to look for him as suddenly two bodyguards and Mister Feith went directly into my direction. A bit surprised to see one of the most powerful persons in Kosovo I was saying to him: “Oh Mister Feith. How are you doing?” while the bodyguard looked at me in a strange way. He answered: “ Well nice thanks. The day is over and everything went nice.” At that moment my brother came back. He brought a chocolate and some biscuits. I smiled and asked Mister Feith: “ Is there a political reason? (for his good mood)? And he answered: “Well your government is still in power!”.

I’m not sure anymore if I misunderstood the situation (I don’t think so), but I answered him: “Well  Mister Feith I think my government will still be in power here when you are not here anymore.” and went out. The bodyguards looked like they would have liked to kick my ass. Mister Feith was seriously surprised about the answer.

To understand that conversation maybe it’s important to know that Pieter Feith has all competences to stop laws made by the government, can kick ministers from the government, and is one of the big global players in Kosovo to find the way how we should act and can act.

Some people told me that it was a compliment of him that he was seriously happy that on that day everything was going fine, while I had the feeling he wants to demonstrate power and was surprised about the answer because he didn’t expect such an answer from an Albanian.

This I sometimes like about daily life in Kosovo. Meeting the world in a supermarket.

Sonntag, 12. September 2010

(Mumsen) Die Sache mit der Unabhängigkeit, Die UN Resolution, die Vermissten und Gespräche

Im Moment passiert auf der politischen Bühne recht viel. In der Bevölkerung interessiert es jedoch recht Wenige. Im Fernsehen läuft mehr Basketball wegen der WM in der Türkei als Nachrichten. Die Menschen nehmen alles nur am Rande zur Kenntnis und interessieren sich nicht recht arg dafür.

Die UN Resolution, die am Freitag verabschiedet wurde, wird nachhaltig eine Änderung der Kooperation zwischen Prishtine und Belgrad herbeiführen und dennoch juckt es die Menschen recht wenig. Ich glaube erst, dass die direkten Gespräche, die folgen werden früher oder später, sie erst aufwecken werden.

Bei diesen Gesprächen die unglaublich wichtig sein werden, wird es viel zu reden geben und Serbien wird dann nicht so leicht weg kommen wie mit der Resolution mit der EU zusammen.

Bevor es Gespräche geben wird muss ein klarer erster Schritt erfolgen, der außerhalb der Floskeln stattfindet: Die Regierung in Belgrad muss sich entschuldigen und seine Schuld eingestehen für die Verbrechen, die sie begangen hat.

Am 30. August war der 'Internationale Tag der Vermissten'. Ein Tag mit einigen Aktionen, die Aufsehen erregt haben. Eine Initiative die sich „Youth Initative for Human Rights“ nennt hat in der Fußgängerzone von Prishtine viele Paar Schuhe hingestellt und die Frage gestellt „Wo sind noch 1837 vermisste Personen?“ Diese Aktion hat auch mich berührt und ich muss sagen, dass bei diesem Thema nicht mehr von technischen Gesprächen gesprochen werden darf, denn sie sind zu tiefst menschlich und wichtig. Dass diese Gespräche erfolgen müssen, ist sehr wichtig aber die Rollen müssen schärfer geklärt sein, nicht wie bei der UN Resolution, bei der man nie weiß, wo man ist.

Weitere Themen, über die gesprochen werden muss:

-         Der Fond der Pensionen, den Serbien einfach kassiert hat
-         Der archäologische Schatz des Kosovo mit seinen 1250 Ausstellungstücken, der noch in Serbien ist und nach einer Wanderausstellung in Serbien nicht zurück gegeben wurde im Jahr 1999
-         Anerkennung der Dokumente beider Staaten und die Anerkennung der Diplome
-         Ein Austausch nach dem deutsch-französichem Beispiel zwischen beiden Staaten, damit der Frieden langfristig ist
-         Ausschaltung der serbischen Parallelstrukturen im Norden des Kosovos
-         Auslieferung aller Kriegsverbrecher
-         Minderheitenrechte der Serben im Kosovo und der Albaner im Süden von Serbien

Ich bin gespannt, wie das alles passieren wird. Es gibt von beiden Seiten viele Vorbehalte und Manöver, die jederzeit eine Gefahr des Scheiterns herbeiführen können. Ein Weg daran führt aber nicht vorbei. Auch die albanische Bevölkerungsmehrheit und die serbische Mehrheit müssen dabei ihre Rolle neu definieren und sich finden - damit sie ihre Interessen bekunden können und so zum Wohl dieses Prozesses beitragen. Gleichgültigkeit wird dann nicht mehr möglich sein. Die WM im Basketball wird bis dahin auch zu Ende sein.

(Mumsen) Spannungsfelder

Jetzt bin ich heute genau einen Monat im Kosovo. Es ist unglaublich, wie viel ich gesehen und erlebt habe. Täglich lerne ich mehr und mehr dazu.

Ich sehe aber auch täglich Spannungsfelder, die einen schnell aufreiben können. Es sind extreme Kontraste zwischen arm und reich, zwischen chic und ärmlich, Schubkarren und Autos, die ich selten in Deutschland sehe, zwischen Menschen, die Geld rauswerfen und Bettlern - an gleicher Stelle. Kontraste sind auch in den Ministerien zu sehen. Hier weht ein Kampf zwischen dem kommunistischen Gedanken in den Hinterfeldern und der neuen Generation in den oberen Gremien. Ich hab oft den Eindruck, dass die alten Garden das Rennen machen und es sich gut gehen lassen ohne etwas zu tun und somit auch die Ambitionen der Oberen stoppen.

Es lässt sich sagen, dass keine richtige Mitte ersichtlich ist. Es gibt sie zu selten und wenn sie anzutreffen ist, dann nur, damit sie nach oben strebt. Erst hier wird mir klar, wie verdammt wichtig sie ist, diese so oft genannte Mitte.

Spannungsfelder gibt es ohne Ende. Damen, die mit High Heels durch die Stadt laufen und im Schlamm landen wegen der Baustellen und es dennoch nicht aufgeben. Jungs, deren wichtigstes Lebensmerkmal „gut aussehen“ und eine coole Brille haben, sind. Ein Verkehr, der keine Art von Regeln einhält und Fußgänger in unglaubliche Gefahr bringt.

Trotz allem gibt es auch diese andere Seite, diese Gastfreundschaft, bei der dir jeder sogar sein letztes Stück Brot gibt, diese Merkmale der Kommunikation, in der man viel miteinander redet und sich findet. Irgendwie auch wenn es nicht komplett ist - es ist ausreichend.

Es gibt diesen Kontrast hier, zwischen 'Wir hassen unsere Politiker für das was sie tun', und 'Wir lieben sie abgöttisch'. Es gibt diese Einstellung gegenüber den Internationalen, die zwiespältig ist, zwischen 'Gut, dass sie da sind' und 'Sie sollten gehen'.

Es gibt eine Einstellung, 'familiär' zu denken, zum eigenen Vorteil, 'regional' zu denken zum eigenen Vorteil und 'institutionell' zu denken, zum eigenen Vorteil. Korruption nennt das keiner hier, denn es ist keine, sondern eher Tradition aus der Geschichte heraus.

Ich bin hier seit einem Monat, bewege mich dazwischen, versuche zu verbinden und es gelingt zum Teil, andererseits werde ich beäugt und mit Vorsicht genossen - vielleicht auch gerade wegen der Spannungsfeldern, die ich aufzeigen kann: in der Handlung, im Denken, in der Richtung. Ich werde anders beurteilt in meinen Handlungen, weil ich auch eine Gefahr und Konkurrenz darstelle. Das wird mir immer wieder klar. Oft wird es mir auch direkt gesagt.

Die Brücke von Mitrovice symbolisiert für mich dieses Hin und Her, zwischen irgendwo und nirgendwo, die Spannung, die in der Luft liegt - im Spannungsfeld. Was mich hält und erhält ist die Tatsache, dass ich vertraue in eine Richtung. Ich bau auf, auch wenn ich scheitern kann. Ich bau auf, weil ich denke, dass man hier Reibungsfläche braucht - um etwas entstehen zu lassen.

Eigene Spannungsfelder werden mich noch lange beschäftigen. Das weiß ich sicher.